ZOFINGER TAGBLATT

MONTAG, 12. SEPTEMBER 2016

Oasen der Stille in der Stadt

VON KURT BUCHMÜLLER

Zofingen

Ein historisch-musikalischer Rundgang würdigte den europäischen Tag des Denkmals

Am vergangenen Wochenende fanden an rund 360 Orten der Schweiz Führungen durch historische Gärten, Parks und Anlagen statt. Mit solchen, teilweise verborgenen, Freiräumen kann auch Zofingen aufwarten. Die über hundert Teilnehmenden an den zwei Rundgängen erhielten von Cécile Vilas Einblick in die Stadtgeschichte, musikalisch umrahmt von WalterSiegfried mit zeittypischen Stimmungsbildern.

Bis Anfang des 19. Jahrhunderts war Zofingen durch Ringmauern und Gräben gegen aussen abgeschirmt; Torwächter kontrollierten an den Eingängen jede ein-und ausgehende Person. Ein Kupferstich aus dem Jahr1714 illustriert die damalige Situation der Stadt. Rundherum verläuft in einigem Abstand die Strasse, ausserhalb dieser liegen Ackerland und Baumgärten. Als wichtige Anlagen sind die Stadtkirche mit der Nummer 1, das Rathaus mit 2, die Bibliothek mit 3, eine Tanzlinde mit 4 und zwei Weiher mit der Nummer 5 eingezeichnet. 1819 wurde der Graben zwischen dem östlichen Schützentörli und dem Pulverturm aufgefüllt, 1823 bis 1825 verschwanden der Graben und die Befestigungen zwischen Pulverturm und dem Oberen Tor und 1830 sind die zwei Feuerweiher zugeschüttet worden. 1842 bis 1845 war die Untere Promenade an der Reihe. Die Stadttore wurden zwischen 1837 und 1872 abgebrochen. Weitsichtig erfolgte der Verkauf des Landgürtels zwischen Stadtmauer und den Umfahrungsstrassen. Hier entstanden die Grabengärten, vor jeglicher Überbauung geschützt, ein Grüngürtel als Oasen der Stadt.

Historische Besonderheiten

Der erste Posten galt den 1764 erstmals in einem Lexikon erwähnten zwei Tanzlinden östlich des heutigen Alten Schützenhauses. Gepflanzt wurden sie 1678 und später durch ein Gerüst miteinanderverbunden, das zu den im Geäst eingebauten Tanzböden führte, wo «auf selbigen wohl 50 Personen in aller Kömlichkeit speisen konnten». 1974 sind diese Linden durch die heutigen ersetzt worden. Walter Siegfried widmete dem Andenken an die Tanzlinden ein Trinklied aus «Don Giovanni» von Mozart. Den Weg zum nahe gelegen, 1873–1876 erbauten, monumentalen Gemeindeschulhaus verschönerte er mit «O du liebs Ängeli, Rosmarinstängeli». Das 1899–1901 errichteteStadtmuseum, grosszügig gestiftet von Gustav Rudolf Straehl (1845 bis 1929), hütet das historische Erbe von Zofingen, von Walter Siegfried sinnstiftend thematisiert mit Händels «Where ever you walk» (Wohin du immer gehst). Draussen bei der Bluteiche war «O Täler weit, o Höhen» zu hören. Darin heisst es unter anderem: «Da draussen, stets betrogen, saust die geschäft’ge Welt». Diese fand sich dann beim Gasthof Ochsen, der schon vor der Reformation erwähnt und mehrfach umgebaut worden ist. 1854 galt er nach dem «Rössli» als Gasthof im zweiten Rang mit ländlicher Aussicht, gut und billig. Von dort fiel der Blick auf den unteren Stadteingang, der bis 1837 vom Unteren Stadttor bewacht und 1919 zum Standort des Löwendenkmals wurde, ein Geschenk des Schweizerischen Zofingervereins. Begleitet von Walter Siegfried mit «Stägeli uf, Stägeli ab» ging es vom Ochsen aus weiter in dessen Garten. Er ist einer der vielen Grabengärten, die den Stadtrand säumen und als Oasen der Erholung dienen, jeder auf seine Weise, sei es als Zier-oder Nutzgarten. Walter Siegfried besang ihre schattige Kühle. Beim Hellmühleeingang hörte er ein Bächlein rauschen (Schubert), nämlich den Stadtbach, der dort die Stadt verlässt. Über das Petschirgässli gelangten die Gruppen zum wohl schönsten Innenhof der Stadt, den nach dem Seidenfabrikanten Johan Adam Senn (1678–1749) benannten Sennenhof. Diesen konnte er 1732 beziehen, als er Schultheiss wurde. Im dortigen gedeckten Aussensitzplatz endete der Entdeckungsgang durch Zofinger Oasen, beschwingt von den Flügeln des Gesangs nach Mendelssohn.

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