zurück zum Projekt RUFEN

zurück zum Archiv Siegfried
 

Dr. Michael Müller [System und Kommunikation, München] unterhielt sich mit den vier Gastsolisten im Projekt RUFEN über die Umgangsweise mit ihrer eigenen musikalischen Tradition im deutschen Kontext (alle Originalzitate kursiv):

Haruyo Maruyama
In meiner Familie war Musik immer sehr wichtig; deshalb habe ich mit 4 Jahren
begonnen, Klavier zu spielen. Obwohl Haruyo Maruyama in Tokio geboren und
aufgewachsen ist, war es die europäische Klassik und nicht traditionell japanische
Musik, die in ihrer Familie gehört und gespielt wurde. Die japanische Musiktradition
blieb mir immer eher fremd, erinnert sie sich. Für sie war es früh ausgemachte Sache,
dass sie Pianistin werden wollte - bis ein aufmerksamer Lehrer ihre Stimme
entdeckte. Ab 15 nahm sie daher Gesangsunterricht, zunächst in Tokio, später auch in
Deutschland.

Die Begeisterung für europäische Musik war auch ihr Beweggrund, nach Deutschland
zu kommen: Sie wollte das klassische deutsche Lied an seinem Ursprungsort
studieren. Seither lebt sie in München, singt im Chor der Bayerischen Staatsoper und
veranstaltet ab und zu Liederabende.

Von Anfang an nahm sie große Unterschiede zwischen dem musikalischen Leben in
Japan und Europa wahr. In Japan interessiert sich zum Beispiel nur eine ganz
bestimmte Schicht für klassische europäische Musik. Es gibt dort daher weniger
Konzerte als hier, was wiederum bedeutet, dass nur sehr wenige Musiker und Sänger
von der Musik leben können. In Deutschland oder Europa dagegen ist diese Musik in
sehr viel breiteren Bevölkerungskreisen präsent, und die Konzerte sind immer voll.
Das liegt sicher daran, dass diese Musik aus der europäischen Kultur stammt und für
diesen Kontext geschrieben ist, meint Haruyo. Jetzt aus der Distanz kommt es ihr
zum Beispiel sehr fremd vor, die Zauberflöte mit japanischen Sängern aufgeführt zu
sehen: Nach ihrer Zeit in Deutschland kann sie sehen, wie stark diese Oper im
europäischen Kulturkreis verankert ist.

Ein weiterer Unterschied zwischen den Kulturen: In Japan wird sehr viel Wert auf
perfekte Technik gelegt; der Musikunterricht und die Aufführungspraxis konzentrieren
sich ganz auf die technisch perfekte, fehlerfreie Bewältigung der Stücke. In
Deutschland dagegen sei man beim Musizieren viel lockerer, was der Emotion, dem
Geist, der durch ein Musikstück vermittelt wird, zugute komme. In Japan bleibt oft
hinter aller Technik der Ausdruck auf der Strecke, bringt Haruyo Maruyama den
Unterschied auf den Punkt.

Bei dem Projekt RUFEN von Walter Siegfried und Frank Helfrich erlebte Haruyo das
Zusammenwirken ganz unterschiedlicher Musikstile als sehr spannend. Das Stück,
das sie bei dieser Performance sang, baute auf der japanischen Musiktradition auf. Das war musikalisch etwas völlig anderes, als ich sonst mache, gerade weil es eine
Verbindung zu der Kultur herstellte, aus der ich komme. fasst sie ihre Erfahrung damit
zusammen. Sie würde gerne öfter an Experimenten wie RUFEN teilnehmen - obwohl
ihr musikalisches Herz natürlich nach wie vor für die klassische europäische Musik
schlägt.
 

Layt Abdul Ameer
Layt Abdul Ameer, 1986 in Bagdad geboren, wurzelt in zwei Musiktraditionen: Er hat
sowohl klassische arabische als auch klassische europäische Musik studiert. Seit er
1999 nach München kam, versteht er es als seine musikalische Berufung, eine Brücke
zu schlagen zwischen arabischer und europäischer Musik. Wenn man Europäer mit
klassischer arabischer Musik konfrontiert, haben sie meist keinen Zugang zu diesen
Klängen: Sie reagieren mit Unverständnis, diese Erfahrung macht Layt immer wieder.
Allzu fremd sind europäischen Ohren die Harmonien und Klänge dieser Musiktradition;
man weiß auch hierzulande sehr wenig über die Gesetze und Traditionen dieser
Musik.Ý In den arabischen Ländern weiß man dagegen vergleichsweise viel über
europäische Musik und erlebt sie nicht als völlig fremd und unverständlich. Allerdings
gebe es in arabischen Ländern sehr viele Puristen, die eine Mischung beider
Musikrichtungen ablehnen. Ein Grund mehr für Layt, seine Vision in Europa zu leben.

Layt Abdul Ameer spielt auf seinem Instrument, der Oud,Ý vor allem eigene
Kompositionen, in denen er europäische und arabische Elemente miteinander
verbindet: arabische Rhythmen und europäische Tempi zum Beispiel. Seine Erfahrung
dabei: wenn man arabische und europäische Musikelemente mischt, bekommen die
Zuhörer über das Bekannte einen Schlüssel in die Hand, der ihnen auch das Fremde
an dieser Musik aufschließt. Die eigenen Kompositionen spielt er vor allem mit seiner
Gruppe Ur, die er nach einer der ältesten Städte der Menschheit benannt hat. In
dieser Gruppe arbeitet er mit deutschen Musikern an der Brücke zwischen den beiden
Musiktraditionen;Ý gelegentlich kann er seine Vorstellungen auch in andere
Zusammenhänge mit einbringen, zum Beispiel bei gemeinsamen Konzerten mit
Konstantin Wecker.

Es gibt viele Menschen, die gerade das für sie Fremdartige an der arabischen Musik
reizt, weiß Layt. Für seine europäischen Schüler, denen er das Spielen auf der Oud,
der arabischen Laute, beibringt, hat er daher ein eigenes Lehrsystem entwickelt, um
ihnen die arabische Musik nahe zu bringen. Er achtet dabei darauf, dass seine Schüler
einen emotionalen Zugang zu der arabischen Musik bekommen, dass sie nach ihrem
Gefühl musizieren, auch wenn das nicht immer den strengen arabischen Traditionen
entspricht. Gerade durch Brüche zwischen den Musiktraditionen entsteht eine Brücke
des Verständnisses, fasst Layt Abdul Ameer seine Erfahrungen zusammen.

Shankar Lal
Shankar Lal ist in Kalkutta in Bengalen aufgewachsen, in einer sehr musikalischen
Familie. Die musikalischen Fähigkeiten seiner Geschwister haben ihn schon früh
beeindruckt und in ihm den Wunsch geweckt, Tabla zu spielen. Sein Bruder hat ihn
nach seiner Studienzeit nach Deutschland geholt - Shankars Motivation für die Reise
war natürlich eine musikalische: Er wollte die europäische Musik kennen lernen. Seit
mehr als zwanzig Jahren lebt er nun schon in Deutschland.

Shankar Lal interessiert vor allem die Begegnung verschiedener Musikstile aus
unterschiedlichen Kulturen. Musik ist eine internationale Sprache und kennt keine
religiösen Grenzen, ist seine tiefe Überzeugung. Er hat deshalb auch keine
Berührungsängste mit ganz unterschiedlichen musikalischen Traditionen: Er spielt mit
griechischen Instrumentalisten zusammen, oder mit georgischen Jazzern, mit
afrikanischen, lateinamerikanischen und europäischen Musikern, und er hat mit
Rockgruppen wie Amon Düül, Popol Vuh und Embryo auf der Bühne gestanden.
Immer reizt ihn dabei das Neue, noch nicht ausprobierte, die Klänge, die in einer
neuen Kombination von Musikern und musikalischen Traditionen entstehen, und
natürlich auch die pure Freude am Musizieren. Musik ist mein Leben, sagt er häufig,
und wenn man ihn auf der Tabla spielen und rhythmische Vokalsequenzen darüber
legen hört, glaubt man ihm das aufs Wort. Wenn beim Improvoisieren der Funke
zwischen den Musikern überspringt, dann ist sein Ziel erreicht.

Seit 1992 leitet er auch das Münchner Tabla-Ensemble, in dem seine Schüler spielen.
Ich möchte meinen Schülern die Freude am Musizieren vermitteln, und auch das
Erlebnis der Begegnung ganz unterschiedlicher Musikstile, die sich beim Spielen zu
einem Ganzen verbinden, fasst er sein Anliegen als Lehrer zusammen. Wichtig ist
ihm auch, offen zu bleiben für Neues: Er nimmt daher immer wieder die
Herausforderung an, mit Musikern, mit denen er bisher noch nicht zusammen gespielt
hat, neue Ausdrucksformen zu erkunden. Und Shankar ist sich sicher, dass es auf
diesem Feld noch viel zu tun gibt: Bis an mein Lebensende werde ich musikalisch
immer wieder etwas Neues ausprobieren.

Ndiaga Diop

 

In seiner westafrikanischen Heimat ist der aus altem senegalesischem Adel stammende Ndiaga Diop einer der ganz großen Stars der Reggae-Musik, für viele junge Musiker ein großes Vorbild. Als ich im letzten Winter im Senegal war, riefen eine Menge Leute an, die mich baten, hier zu bleiben, erzählt Ndiaga Diop. Doch der Musiker, der seit drei Jahren mit seiner Familie in München lebt, wehrt sich gegen die Vereinnahmung als lokaler Star, hinter der er häufig auch politische Absichten ausmacht. Ich mache Musik für die ganze Welt, nicht nur für Senegal. Deshalb spreche ich in meinen Texten auch von Themen, die alle Menschen angehen, und nicht von westafrikanischer Politik.

Aufgewachsen ist Ndiaga in Dakkar, der Hauptstadt des Landes. Von Kindheit an war er dort einer großen Menge musikalischer Einflüsse ausgesetzt: In Dakkar mischten sich damals traditionelle westafrikanische Musik mit Einflüssen aus Indien und Mauretanien, gleichzeitig hörten die jungen Leute natürlich westliche Popmusik, die Stones und die Beatles, tanzten auf Salsa und Rock. Niemand konnte sich diesem Schmelztiegel der musikalischen Richtungen entziehen, für Ndiaga wurde Musik immer wichtiger - auch wenn er im 'Hauptberuf' noch Wirtschaftswissenschaften studierte. Doch als er aus einem großen Reggae-Wettbewerb in Philadelphia als einer der Sieger hervorging, wendete sich das Blatt: Die Musik wurde zum Beruf - zunächst sehr zum Missfallen seiner Eltern. Denn traditionell war es im Senegal nur bestimmten Familien, den Griot, erlaubt, professionell Musik zu machen.

Die Grundlage von Ndiagas Musik ist der Reggae, den er mit vielfältigen Einflüssen, die er in seiner musikalischen Sozialisation in Dakkar kennen gelernt hat, kombiniert. Vor allem die traditionelle Yungou-Musik gibt seinem Reggae ein unverwechselbares, afrikanisches Gesicht. Aber auch der Reggae selbst ist für ihn eine Musik, in der aus sehr vielen Wurzeln Neues gewachsen ist. In Jamaika entstanden, nimmt er karibische, süd- und nordamerikanische, und vor allem auch afrikanische Einflüsse auf. Wie stark diese Musik ihre Wurzeln in Afrika hat, wurde mir klar, als ich entdeckte, dass in der Sprache der Soninké im Senegal das Wort  'reggae'  'Tanz'  bedeutet, erläutert Ndiaga. Für ihn ist der Reggae jedoch eine internationale Musik, in der sich jede Kultur wieder finden kann - weil aus jeder Kultur Einflüsse in ihm verarbeitet sind.

Ndiaga Diop ist deshalb auch zuversichtlich, dass er in Deutschland sein Publikum ebenso erreichen kann, wie in Senegal. Die bisherigen Erfolge geben ihm Recht. In Zukunft will er daher - neben seinen Texten in Französisch, Englisch, Wolof und anderen afrikanischen Sprachen -  verstärkt auch Lieder auf Deutsch singen.

zurück zum Projekt RUFEN
zurück zum Archiv Siegfried