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Frank Helfrich
Die Musik
In Vorgesprächen mit den Musikern, die alle aus verschiedenen Kulturen stammen, aber im Münchener Raum tätig sind, habe ich Fragen nach deren musikalischen Traditionen gestellt, Ideen und teilweise konkrete Melodien notiert, die später arrangiert und teilweise verfremdet oder fragmentarisch in die Gesamtkomposition eingeflossen sind. Es ergaben sich dabei nicht nur musikalisch verschiedene Positionen, die die jeweiligen Kulturkreise und Traditionen ausleuchten, sondern auch verschiedene 'philosophische' Welten. Die ständig sich ändernde Funktion jedes Musikers wurde durch die räumliche Konzeption teilweise bedingt bzw. unterstützt.

Die 'Unterwelt' der Tiefgarage wird geprägt von einem Grundklang und dessen mikrotonale Abschweifungen, welche die der halligen Akustik immanenten Klänge hörbar machen Die Akteure erscheinen in dem für eine sängerische Darbietung unwirklich wirkenden Raum durch die Kleidung, dem Umherwandern und dem rufartigen Singen wie Figuren zwischen Parkwächtern und Seelenführern.

Der Aufstieg in die oberen Etagen des Gasteigs führt in die orientalisch-romantische Welt: Eine muezzinartige Gesangsimprovisation und ein im arabischen Sprachraum sehr bekanntes Volkslied, das von Liebe und einem Vogel im Dattelbaum erzählt. Vorgetragen von Layt Abdul Ameer hoch oben auf einer Galerie, tragen die restlichen vier Sänger den Grundklang summend durch das Publikum und verweisen mit dem Rezitieren der drei Silben der arabischen Rhythmussprache schon auf die spätere indische Position. Das Rotorengeräusch eines Hubschraubers bricht die 'Schönheit' der arabischen Melodie.

Aus der Tiefe ('de profundis') des Raumes erhebt sich später die Stimme Walter Siegfrieds, der in einem ersten Teil Melodiefragmente einer Schweizer Handschrift mit liturgischer Musik des frühen 11. Jahrhunderts zitiert, während die anderen Akteure auf einer anderen räumlichen Ebene das Solo in Glissandi und dissonanten Parallelklängen begleiten. Wenn sich die ganze Gruppe auf den Rolltreppen zusammenfindet, rezitieren vier Sänger in ständiger Wiederholung entsprechend der Endlosschleife der Rolltreppe das Wort 'interminus', während der Solist in gegenläufiger Richtung fahrend eine Passage mit Motiven aus einer Sequenzmelodie des St. Galler Mönchs Notker Balbulus (um 1050) singt. Diese abendländisch - religiöse Kulturwelt löst sich in Naturgeräusche aus dem Lautsprecher auf, die zunehmend elektronisch verfremdet werden.

In der nächsten Station ist der Rhythmus das bestimmende Element. Die Komplexität der indischen Rhythmik wird unter der Führung des indischen Tablameisters Shankar Lal zu einer zunehmend sich verdichtenden 'Unterhaltung' in Rhythmussprache ('Parhant'), eine eigentlich zur Memorisierung benutzte Technik, die den verschiedenen Anschlagsarten auf den Tablatrommeln verschiedene Silben zuweist. Diese schnell in einem komplizierten, ungeraden Rhythmus gesprochenen Wörter reflektieren einen Bruchteil der feinen und ausdifferenzierten indischen Kunstmusik und das Jahrhunderte alte Prinzip der mündlichen Weitergabe musikalischer Traditionen.

Eine spezielle Rhythmizität findet sich auch in der Alltagssprache, besonders bei Wörtern der Zustimmung oder Verneinung. Häufig werden diese zu einer kurzen rhythmischen Floskel zusammengefasst ('ja, ja, ja', 'oui, oui', etc.). Daraus setzt sich das kurze Ensemblestück zusammen, mit dem die Gruppe in die Philharmonie einzieht und sich durch die Menschen drängt, die - sich unterhaltend - den Beginn einer anderen Veranstaltung erwarten.

Von einer Galerie der Konzertvorhalle erklingt der hohe Sopran von Haruyo Maruyama. Das einstimmige solistische Stück habe ich in Form und Haltung an japanische Ritualmusik angelehnt. Es handelt sich um die Vertonung eines Sterbegedichts von Hattori Ransetsu (1653-1707). Diese literarische Gattung kam im Japan des 17. Jahrhunderts zur Blüte. Ein Sterbegedicht wurde von vielen großen Dichtern und Zen-Mönchen kurz vor dem Tod wie eine Art Vermächtnis hinterlassen. Zu dem auf japanisch gesungenen Gedicht sprechen die im Publikum verteilten anderen vier Akteure eine deutsche Übersetzung ('Ein Blatt fällt / ein anderes Blatt / nimmt der Wind'). Grundlage des Sologesangs ist eine alte Gagaku-Melodie ('Outa' - auf deutsch etwa: 'Großer Gesang'), die für spezielle höfische Zeremonien wie etwa der kaiserlichen Inthronisation gedacht ist und einen Tanz von vier oder fünf jungen Frauen aus vornehmer Abstammung begleitet. Zuletzt wurde sie offiziell 1990 für Kaiser Akihito verwendet.

Von der vornehmen Welt des Ritualgesangs geht es zur politischen Welt des erdverbundenen afrikanischen Kontinents. Wieder dringt die Natur in Form eines Grillengezirpes über die Lautsprecher in den Konzerthallenvorraum. Langsam erwächst ein zunächst leises rhythmisches Ostinato ('Yolele'), eine Grundfigur aus einem Gesang der Tukulor, einer islamisch geprägten Bevölkerungsgruppe Westafrikas. Während der senegalesische Sänger Ndiaga Diop in einem frei improvisierten Gesang seine Referenz an seinen Landsmann und Kollegen Demba Nídiaye erweist. So wie der Gesang verschwindet, taucht er einige Minuten später an anderer Stelle wieder auf, diesmal mit einer einfachen eingängigen Melodie über einen senegalesischen Text ('Djalô jobo') aus der Frühzeit der Kolonisation, der von der Entschlossenheit eines Stammeshäuptling erzählt, sich der Ausbeutung der Kolonialherren zu widersetzen ('my horse will never cross the railroad'). Von einem Wechselgesang mit dem Chor der anderen vier Sänger ausgehend, steigert sich Ndiaga Diop in einen rapartigen Sprechgesang hinein, verstörend und faszinierend zugleich in seiner akustischen und gestischen Aggressivität.

Zwei letzte irritierende Momente ergeben sich durch das laute, gleichzeitige Rufen der fünf Akteure inmitten des Publikums an weit auseinander liegenden Positionen. Dieses Rufen im Abstand einiger Minuten geht jeweils von einer unbestimmten Tonhöhe aus und gleitet in den gleichen gemeinsamen Grundklang, der auch den Anfang der Komposition in der Tiefgarage bestimmt. Beim zweiten Mal wird der Ton summend gehalten während die Sänger langsam im Treppenhaus zur Tiefgarage verschwinden, zum ursprünglichen Ausgangsort.

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