DER
FUSSGÄNGER
oder
"Über
das
Spannungsfeld zwischen Tanzen und Getanztwerden"
Im
städtischen Raum, dort wo er etwas dichter wird, zeigt sich, ob
die Planer dieser Zone ein Gefühl für Fußgänger
hatten oder nicht. Es gibt
Plätze, auf denen sich viele Menschen ohne Kollisionen bewegen -
oft auch bei
hohem Tempo; und andere über die man vor lauter "T'schuldigung!"
und
"Hoppla!"s kaum rüber kommt. Man kann dabei nicht nur die Planer
verantwortlich machen, aber wer einen Anzeigenmonitor so aufhängen
lässt, dass
diejenigen, die die Information lesen wollen, genau in der engsten
Passage des
Raumes stehen bleiben müssen, beweist wenig Sensibilität. Und
wer
Trambahn-Häuschen entwickeln lässt und dann auch hundertfach
aufstellt, die die
Passanten bei Regenwetter auf einen Umweg über die Schienen
zwingt, wenn sie
nicht vom gesammelten Wasser des Daches grosszügig geduscht werden
wollen,
beweist auch nicht gerade hohe Kompetenz in Fragen der menschlichen
Bewegung im öffentlichen Raum. Mehr Aufmerksamkeit für den
Fußgänger kann nicht schaden.
Bevor
wir aber mit Goethe weiterhin die Konstrukteure anklagen -
der Dichter bemängelte die Unsensibilität für
kinästhetische Phänomene, die
Architekten würden Räume für die Augen bauen anstatt
für die Bewegung - wenden
wir uns besser mit Schiller den Bewegungen selbst zu. Schiller, mit
seinem
theoretischen Interesse an Spiel und Tanz, entwickelt seine Fragen nach
dem
Schönen immer wieder an Bewegungsanalysen. Damit begründet er
eine Theorie der ästhetischen Verhaltensweise. Er fragt nicht nur
nach der Schönheit in Objekten
sondern sucht ihre Qualität auch im Tun. Gibt es so etwas wie
'Schönheit des
Umgangs' - und was zeichnet sie aus?
"Ich
weiß für das Ideal des schönen Umgangs kein passenderes
Bild als einen gut getanzten und aus vielen verwickelten Touren
komponierten
englischen Tanz ... Alles ist so geordnet, dass der eine schon Platz
gemacht
hat, wenn der andere kommt, alles fügt sich so geschickt und doch
wieder so
kunstlos ineinander, dass jeder nur seinem eigenen Kopf zu folgen
scheint und
doch nie dem andern in den Weg tritt. Es ist das treffendste Sinnbild
der
behaupteten eigenen Freiheit und der geschonten Freiheit des andern."
Das
Zitat aus den Kallias-Briefen (1793) zeigt, dass Schiller den
schönen Umgang sozial definiert. Das Schöne an der Bewegung
wird nicht an
individuellen Abläufen abgelesen - wie etwa bei den klassischen
Analysen vom
Diskuswerfer (Höhepunkt der versammelten Kraft im Bewegungsablauf
des einzelnen
Sportlers) oder vom Dornauszieher (Anmut der individuellen Bewegung,
Kleist,
Marionettentheater).
Bei
Schiller wird die Schönheit der Bewegung als eine bestimmte
Art und Weise des Umgangs mit den anderen beschrieben. Dabei wird von
den
Handelnden eine zweifache Ausrichtung der Wahrnehmung gefordert,
nämlich
einerseits in Richtung der eigenen Bewegungsimpulse und gleichzeitig
auch in
Richtung auf die Bewegungsintentionen der Mitmenschen. Denn um nichts
anderes
geht es, wenn die Tanzenden sowohl dem eigenen Kopf, als auch den sich
ankündigenden Bewegungen der Mittanzenden folgen wollen. Es wird
eine doppelte
Wahrnehmung gefordert, eine nach innen, um die eigenen Wünsche zu
wissen - und
eine nach außen, um die Bewegungs-Pläne der anderen zu
erahnen.
Nun
handelt sich es beim Englischen Tanz um ein ausgemachtes
Regelsystem und so kann man die dort vollzogenen Bewegungen nicht
gleichsetzen
mit jenen von Passanten im
Alltagsgeschehen. Letztere wollen nicht spielen oder gar tanzen sondern
einfach
von A nach B gehen. Der entscheidende Unterschied zwischen Tanzen und
Gehen ist
die unterschiedliche Ausrichtung der Aufmerksamkeit bei den beiden
Tätigkeiten.
Im Tanzen ist man auf die Bewegung selbst konzentriert, im Gehen
dagegen
vergisst man die Bewegung zu Gunsten der jeweiligen Ziele. Das
Konzentriertsein
auf die Bewegung selbst kann man wunderbar an kleinen Kindern
beobachten, etwa
wenn sie anfangen aufrecht zu gehen. Alles ist fokussiert darauf, den
labilen
neuen Zustand des aufrecht Stehens zu erhalten und wenn die
Aufmerksamkeit nach
außen geht, etwa weil eine Taube vorbei trippelt, droht das
fragile
Gleichgewicht zu kollabieren. Auch bei älteren Menschen kann man
das Versammeln
der Achtsamkeit auf die Bewegung beobachten. Hier sind es die
Erfahrungen eines
ganzen Lebens, gepaart mit altersbedingten Einschränkungen, die zu
ganz ökonomischen, abgezirkelten Bewegungsabläufen
führen können. An beiden Gruppen
können wir das intensive Spüren der eigenen Bewegung ablesen.
Wahrnehmung der
eigenen Bewegung - das war die erste Qualität des Tanzens.
Als
zweite Qualität hatten wir das Wissen um die Bewegungsspur der
Mittanzenden erwähnt. Eine komplexe Angelegenheit. Aus den
Spielregeln des
jeweiligen Tanzes weiss man - mehr oder weniger sicher -, wohin die
anderen
sich bewegen werden. Gekoppelt mit den Informationen aus der
wahrgenommenen
aktuellen Bewegung steuert man dann seine eigene Motorik so, dass das
gewünschte Zusammentreffen oder das aneinander vorbei Gleiten
millimetergenau
vollzogen werden kann. Eine grosse senso-motorische Rechnerleistung,
die zum
grössten Teil ohne unser Bewusstsein abläuft. Im Tanzen
spüren wir die Effekte
dieser Leistung. Wir freuen uns an der dabei entstehenden
zwischenmenschlichen
Dynamik von Annäherung und Distanz, von Berührung und
Loslassen, von Zuwendung
und Abwendung.
Es
geht im Text von Schiller um ein 'Ideal', um ein 'Sinnbild',
jenseits der real existierenden Verhältnisse. Man kann, in
Handlungsabläufe
eingebettet, nicht zugleich tanzen. Aber man kann sehr wohl aus
Handlungsabläufen aussteigen, etwa wenn man vom Ampelrot zu einem
Innehalten
aufgefordert wird. Man kann - als Fußgänger - sich selbst
sowie die Menschen
neben sich spüren und kann jene auf der gegenüberliegenden
Straßenseite
anschauen. Wenn dann der städtische Tanzmeister mit dem
'Grün' zur Bewegung
auffordert kann man diesen Impuls mit den Mittanzenden genießen
und beim
Zusammentreffen in der Mitte der Strasse mit einer minimalen Referenz
oder
einer kleinen Pirouette dem Gegenüber ankündigen 'ich habe
dich wahrgenommen,
ich zeige mich dir - ich grüsse dich und lasse dich'. Man beginnt Stadt zu
tanzen. Man erkennt die
Musik und den dahinter stehenden Tanzmeister. Und in dem Augenblick, in
dem man
erkennt, was einen bewegt, kann man auch entscheiden, ob man nach der
Pfeife
tanzen will oder nicht. Man kann – wenn die Ampel grün wird - auch
einfach stehen bleiben und zeigen: Kein Mensch muss müssen.
"Das
erste Gesetz des guten Tones ist: Schone fremde Freiheit.
Das zweite: Zeige selbst Freiheit. Die pünktliche Erfüllung
beider ist ein
unendlich schweres Problem, aber der gute Ton fordert sie
unerläßlich, und sie
macht allein den vollendeten Weltmann."
Friedrich
Schiller: Kallias oder über Schönheit 1793