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Abgründe der Erinnerung

Eine Performance von Walter Siegfried
zum computergestützten Gedächtnis

Das Gedächtnis, zentrales Thema der grossen literarischen
Entwürfe von Proust und Joyce zu Beginn des 20 Jahrhunderts,
ist auch 100 Jahre später ein Faszinosum geblieben.
Fast scheint es, als würden sich die Geheimnisse noch
vermehren, je mehr Studien zur Hirnforschung und zur
Gedächtnisfunktion betrieben werden. Umso wichtiger sind
Untersuchungen, die sich dem Thema anders als auf der rein
physiologischen Ebene nähern, auf ästhetischer Ebene etwa,
wie die genannte Literatur beweist.

von Steffen A. Schmidt, wissenschaftlicher Mitarbeiter ics
 

Im Rahmen eines Seminars der Literaturwissenschaftlerin
Corina Caduff, das fachübergreifend an der hmt stattfand und
sich mit dem Thema Musik und Gedächtnis befasst, war am 18.
November 2004 im Blauen Saal der hmt zu einer Performance
geladen worden, die sich der Erinnerung auf ästhetischer Ebene
nähert. Als «… etwas Wandelbares, eine Art flüssiges Archiv …»
bezeichnete die Initiatorin der Veranstaltung die Erinnerung in
ihrer knappen Einleitung.
«Der Schweizer Künstler und Forscher Walter Siegfried arbeitet
seit einiger Zeit an seiner Performance Computer Aided Memory
(CAM= computergestütztes Gedächtnis), die er als Work in
Progress ständig fortentwickelt und deren Präsentation auf einer
interaktiven Begegnung mit dem Publikum basiert», heisst es in
dem Informationsblatt zu der Veranstaltung. In seiner Einführung
spricht Walter Siegfried von der geheimnisumwitterten Gedächtnisfunktion,
die einem Gang gleiche, der durch ständig sich verzweigende
Assoziationen zu einem endlosen Labyrinth werde,
sprunghaft Zeiten und Räume überbrücke. In dieser unendlichen
Verzweigung lässt sich das Gedächtnis, so Walter Siegfried weiter,
durch die Technologie der Computerlinks gut abbilden. Und so
kommt die mediale Inszenierung in die Welt des Gedächtnisses in
Gang, eingeleitet durch einen Text des heiligen Augustinus, in dem
der gesamte Kosmos ? Luft, Wasser, Erde, Feuer, Tiere, Pflanzen
und Menschen ? aufgerufen wird.
Zögerlich nimmt der erste «Gast» Platz am Tisch mit Notebook,
doch mit den ersten Mausklicks durchlaufen Performer
nebst Publikum rasant Texte, Bilder und Musik aus verschiedensten
Zusammenhängen, die dem Erinnerungsfeld des Künstlers
entstammen. Die angeklickten Links vernetzen scheinbar völlig
zusammenhanglose Motive wie Wasserklänge, urbane Alltagsfotos,
geheimnisvolle Umschreibungen wie «bewegungssuggestive
Momente des städtischen Mobiliars», gefolgt von einem französischen
Chanson, den der Performer gekonnt zum Besten gibt.
Der Song bricht ab, denn der Mausklick des «Gastes» ruft den
nächsten Link auf, Walter Siegfried, eben noch Chansonnier, hält
einen Kurzvortrag über den Laut «o» im italienischen «traditore»,
Klaviertöne erklingen und wir sind in der nächsten Arie.
Nach und nach stellt sich jedoch heraus, dass die Assoziationen
des Hypertextes nicht die Tiefen und Tabus wirklichen
Erinnerns berühren. In der anschliessenden Diskussion wird nach
der «Zensur» der Erinnerungslinks gefragt und nach «Stimmungen
», die nicht in den Links vorkommen. Siegfried verweist auf
die Musik, die die Stimmungen transportiere. Aber auch hier ist
die Erinnerung in der Darstellung brüchig. Denn zu sehr sind die
Lieder «vorgetragen», werden von der Festplatte abgerufen, auf
die der Performer blitzartig reagieren muss.
Das Projekt ist hochinteressant in seiner transdiziplinären Konzeption
und in seinem Verlauf von Aktion und Interaktion. Als
Work in Progress ist es nicht abgeschlossen und das darf es auch
nicht sein. Denn zu viele Ungereimtheiten der Darstellung treffen
noch aufeinander, die von dem spannenden Vorhaben ablenken.
Sicherlich wäre auch sinnvoll, neben der Erinnerung das Vergessen
zu thematisieren. Vielleicht ist eine Computerfestplatte doch
noch zu stabil für flüssige Archive.
ics
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