BOONSTRA-FILME IM GASTEIG
Openig
Munich DANCE 2008 -
GEGENWELTEN
Dr. Walter Siegfried
Sehr geehrte
Marjoleine Boonstra,
danke, dass Sie selber zu uns nach München gekommen sind und
besonderen Dank für ihre Arbeiten.
Sehr geehrte Bettina Wagner-Bergelt,
danke für die Idee, die Filme im Rahmen von Gegenwelten zu
präsentieren, es handelt sich um wirkliche Gegenwelten, „the real
deal, no special effects“ wie ein Hurricane-Opfer in „A BAD DREAM“ von
Boonstra sagt.
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Sehr geehrte Damen und Herren,
Marjoleine Boonstra wurde 2007 von der „Dutch Directors Guild“
gefragt, welchen Film sie gerne selber gemacht hätte. Sie nannte
„Afterlife“ von Kore-eda Hirokazu.
Natürlich habe ich mir den Film gleich geholt, als ich hörte,
dass ich hier eine kurze Einführung machen darf. In Afterlife,
sehen wir eben gerade gestorbene Menschen, zunächst in einem
Verwaltungs-Ambiente später bei Dreharbeiten in improvisierten
Filmstudios. Die Verwalterinnen und Betreuer versuchen in
Gesprächen mit den Toten einen einzigen wichtigen und wertvollen
Moment ihres Lebens herauszufinden, denn er wird das Einzige sein, das
die Gestorbenen von dieser Zwischenstation ins definitive Reich des
Todes mitnehmen werden. Das aus den gefundenen Erinnerungen
ausgewählte Fragment, wird dann im Filmstudio mit jedem einzelnen
liebevoll und präzise so lange bearbeitet, bis es von den
Betroffenen als identisch mit dem erinnerten Erlebnis empfunden wird.
Die Gestorbenen schauen sich die so entstandenen Kurzfilme gemeinsam
an. Während die Erinnerungen über die Leinwand flimmern,
lösen sich jeweils diejenigen Menschen im Kinosaal auf, deren
Erinnerungs-fragmente gerade projiziert wurden.
Die Zwischenreiche, die Marjoleine Boonstra aufsucht, sind auf der Erde
und die Menschen, die sie befragt - leben. Aber viele
dieser Menschen haben das Sterben gesehen und einige von
ihnen sind wohl dem Tode gerade noch einmal entkommen. Das vertraute
alte Leben ist weggebrochen - sei es durch
Naturkatastrophen, sei es durch Krieg – und die Menschen, die wir in
Boonstras Filmen treffen, befinden sich auf einer provisorischen
Zwischenstation. Sie sind nicht mehr in ihren gewohnten Umgebungen, sie
sind an Gemeinschaftsorten zusammen geführt worden und sie wissen
nicht genau, wie es weitergehen wird, ob es weitergehen wird.
Und trotzdem stehen sie jeden Tag wieder auf. Und es ist dieses
trotzdem, das die Autorin besonders interessiert. Wie organisiert und
orientiert sich der Mensch am Nullpunkt. Was bleibt, wenn die Routinen
des Alltags fehlen? Wie mache ich weiter ohne Freunde und Familie?
Boonstra lädt uns auf zwei waagrechte Fahrten ein. Irgendwann ist
mir diese wiederkehrende Horizontale in den Filmen aufgefallen. Keine
exotischen Blickwinkel, keine Froschperspektiven, keine stürzenden
Kameras. Nur zwei ruhige Bewegungen in der Waagrechten: Einmal gleiten
wir mit der Kamera, oft ein bisschen über dem Boden schwebend,
meist in den frühen Morgenstunden, nahe, aber doch mit
respektvoller Distanz zu den vielleicht noch schlafenden Menschen, an
Zelten, Parkplätzen, Hallen vorbei. Ein langes Fragezeichen. Die
zweite Horizontale müssen wir ohne die Kamera machen, es ist eine
Einladung in ein Gesicht einzutauchen. Die Kamera bleibt statisch, aber
die erzählenden und oft sogar noch mehr die schweigenden Antlitze
entwickeln einen Sog in die Bildtiefe.
Ant [entgegen, angesichts, gegenüber, vor] – litze [blicken,
schauen, sehen], sind eigentlich Entgegenblickende und damit etwas, das
da draußen feststeht, ein Gegenüber, eine Grenze. Trotzdem
schauen wir nicht auf diese Gesichter sondern in sie hinein. Beim
Schauen ist mir dazu die Stelle aus dem letzten der vier ernsten
Gesängen von Johannes Brahms eingefallen:
„Wir sehen jetzt durch einen Spiegel
in einem dunkeln Worte,
dann aber von Angesicht zu Angesichte.
[Jetzt erkenne ich's stückweise,
dann aber werd ich's erkennen,
gleich wie ich erkennet bin.]“
S.Pauli an die Corinther I,Cap.13
Boonstra arbeitet mit Spiegeln. Als ich das zum ersten Mal las
war ich sehr skeptisch. ‚Spiegel und Film’ - das erinnerte mich an
meine Zeit in der Verhaltensforschung. Um Sozialverhalten
möglichst ungestört zu dokumentieren wurde hier früher
über Spiegelmechanismen gleichsam um die Ecke gefilmt. Und diese
Art der wissenschaftlichen Beobachtung – oder sollte ich sagen
Überlistung – ist für mich erledigt. Aber Marjoleine Boonstra
hat damit glücklicherweise auch überhaupt gar nichts zu tun.
Sie setzt den Spiegel ganz anders ein. „Der Spiegel hilft mir, ein Teil
von ihnen zu sein.“ Der Spiegel ist also einerseits ein Mittel der
Annäherung – auch für uns als Betrachter. Andererseits ist er
aber auch der Spiegel des Selbstporträts, der Konfrontation mit
sich selbst, denn die Menschen sind während des Filmens mit ihren
eigenen Gesichtern konfrontiert. Boonstra möchte, dass die Leute,
mit denen sie arbeitet „etwas Neues von sich erfahren haben, wenn sie
mit mir gedreht haben. Ich denke, dass sie für einen Moment
wissen, wo sie emotional stehen und dass sie darüber noch nicht
nachgedacht haben, das mit jemand anderem zu teilen.“ Sie macht also
die Filme nicht nur für uns, sondern auch für die, die mit
denen sie arbeitet. Man kann vielleicht noch weitergehen und sagen, die
Dokumentaristin porträtiert nicht, sie schafft eher die
Bedingungen für eine Begegnung der Menschen, die sie zeigt, mit
sich selber. Ihre ‚Mirror Movies’ bauen einen Raum auf, der es
ermöglicht zuzuschauen, wie jemand von Angesicht zu Angesichte
sich wiederfindet nach einer Katastrophe. Wir als Publikum sehen,
wie diese Repräsentation des ganzen Menschen im Gesicht die
Gesichter selbst nachdenklich macht. Wir als Zuschauer haben damit teil
an diesen bewegten Selbstbildnissen, die sich im Moment der
Dokumentation malen.
Zitat Boonstra
„Es geht um einen bestimmten Blick, einen Blick, der viel Elend
miterlebt hat.
Dieses kleine Detail, dass sich der Blick einfach geändert hat und
man sieht, dass sie das auch sehen.
Sie gehen sofort in ihr eigenes Spiegelbild - sie vergessen mich
auch, manchmal sind sie eben drei Minuten still.“
Wir sehen zu, wie Menschen sich selbst anschauen. Man kennt das
Phänomen. Man kann es auch an spielgelnden Flächen im
öffentlichen Raum beobachten: Menschen checken kurz, ob das
Spiegelbild dem Selbstbild entspricht und machen gegebenenfalls einige
Korrekturen. Einige probieren etwas aus. Andere erschrecken und schauen
schnell wieder weg. Kleine Konfrontationen mit sich selbst -
allerdings beiläufige, flüchtige, unkonzentrierte. In den
Mirror Movies dagegen gibt es kein Entrinnen. Oft wandern zwar die
Augen der Gefilmten aus dem Bild, sie weichen dem Spiegelbild aus –
aber sie kehren zurück. Dabei finden und vergegenwärtigen sie
Vergangenes: Erinnerungen, die das Unheimliche wiederbeleben;
Erinnerungen, die an das zurückgelassene Verlorene anknüpfen;
Erinnerungen, deren wiederkehrendes Dunkel den Atem stocken lässt.
Die Menschen sitzen vor ihrem eigenen Bild, sie stellen sich dem
eigenen Bild.
Es gibt, in Wien, ein Selbstporträt vom alten Rembrandt [Kleines
Selbstbildnis 1657]. Es unterscheidet sich sehr von seinen
Selbstporträts der Jugendzeit. Keine Posen, keine Roben, keine
Rollenspiele. Er schaut sich einfach an – ungeschminkt, alt, fragend.
Es stammt aus der Zeit seines wirtschaftlichen Ruins. Ein Jahr
später musste er sein Haus verlassen. In der Not scheint die
Bereitschaft größer, der Wirklichkeit ins Auge zu schauen.
Und dass einem ausgerechnet Rembrandt einfällt kommt sicher nicht
von ungefähr. Hervorziehen – pro trahere soll die etymologische
Herkunft von Porträt sein – hervorziehen, ans Licht bringen. Der
Meister des Helldunkel wusste genau, wie man das macht. Und Boonstra
weiss es auch: Auf den Filmstills - als Titelbilder auf den DVDs
- wachsen alle Gesichter aus dem Dunkel ins Licht. Zurück in den
Filmen sieht man jetzt überall die subtile Arbeit mit dem Licht.
Also so ganz selbst gemalt haben sich diese Porträts dann doch
nicht. Da ist viel feinste Gestaltung am Werk, aber sie zieht sich
zurück hinter die Inhalte. Je öfter man die Sequenzen
anschaut, umso mehr entdeckt man diese Feinheiten etwa in der
Dramaturgie, in der Auswahl der gezeigten Fragmente, besonders auch im
Weglassen. Aber das alles können sie ja nun selber hier entdecken.
Marjoleine Boonstra -
Danke noch einmal, dass Sie hier sind – ich meine in den Filmen zu
spüren, dass Sie wohl lieber den Puls intensiver, oft auch
gefährlicher Momente mit den Menschen teilen, als dass Sie an
Vernissagen sitzen. Umso mehr schätzen wir, dass Sie die Reise
nach München gemacht haben.
Alle Zitate von Boonstra sind
aus dem Arte-Interview auf DVD
Dr. Walter Siegfried
Fäustlestrasse 8
D-80339
München
www.ariarium.de
siegfried@ariarium.de